24.02.2011 07:32 Alter: 1 year
Kategorie: Kolping

Schicksalskorrektor Sozialstaat - Kamingespräch mit Fritz Schösser


Theo Rau, Vorsitzender des Kolping-Erwachsenen-Bildungswerkes, im Gespräch mit Fritz Schösser, dem Gast des 2. Kamingesprächs zur Arbeitnehmerpastoral.

Theo Rau, Vorsitzender des Kolping-Erwachsenen-Bildungswerkes, im Gespräch mit Fritz Schösser, dem Gast des 2. Kamingesprächs zur Arbeitnehmerpastoral.

2. Kamingespräch zur Arbeitnehmerpastoral mit Fritz Schösser

Eichstätt Die Zukunft des Sozialstaats war das Thema des 2. Kamingesprächs zur Arbeitneh­merpastoral des Kolping-Erwachsenen-Bildungswerkes. Gast und  Gesprächspartner war Fritz Schösser im Marquardussaal des Bischöflichen Seelsorgeamtes in Eichstätt.

In einem Parforceritt durcheilte Schösser die Systeme, die den Sozialstaat in Deutschland ausmachen. Der langjährige DGB-Landesvorsitzende ging auf Feinheiten des Zusammenwir­kens von Kranken-, Unfall-, Renten- und Pflegeversicherung ein und sparte nicht an Kritik für politische Entscheidungen der vergangenen Jahre. Ob Hartz IV, die starke Zunahme der Leiharbeit und die Ausweitung des Billiglohnsektors: Alle diese Entscheidungen trugen dazu bei, so Schösser, die Kluft zwischen arm und reich zu vergrößern und den gesellschaftli­chen Zusammenhalt damit zu schwächen. Die gesellschaftliche Akzeptanz von Subsidiarität und Solidarität als zentralen Ordnungsprinzipien einer sozialen Marktwirtschaft wandelt sich immer mehr in eine Kapitalstock- und Zusatzversicherungsmentalität. Der Sozialstaat sollte nach Schössers Ansicht ein Schicksalskorrektor mit Maß und Ziel sein. In dieser Funktion zielt er nicht auf Gleichmacherei sondern auf  Gerechtigkeit und gesellschaftliche Partizipation aller. „Die Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen“ zitierte Schösser die Präam­bel der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft und machte damit deutlich, was er als Gast des Kamingesprächs den Teilnehmern ins Stammbuch schreiben will. Ob aus gewerkschaftlicher oder kirchlicher Sicht heraus die Systeme hinterfragt werden, sei zweitran­gig. Viel wichtiger ist es, wie die Prioritäten bei der Wertschöpfung in einer Gesellschaft gelegt werden. Auf die Frage eines Teilnehmers, welche Rolle die Kirche innehat, machte Schösser deutlich, dass die Option für die Armen nicht nur in Lateinamerika gelte. Die Teilnehmer aus den Reihen der katholischen Verbände und des Diözesanrats waren sich einig, dass die Kirche nicht nur über ihre caritativen Einrichtungen Präsenz zeigen soll, sondern immer die Stimme im Sinne der genannten Option erheben muss, um nicht zu einer Mittelstandskirche zu wer­den, die kraftlos und nicht kampagnenfähig ist. Als Vorsitzender des AOK-Verwaltungsrats versäumte es Fritz Schösser nicht, auf die anstehenden Sozialwahlen hinzuweisen. Er rief dazu auf, die Kandidaten, die sich für die Wahlen in der Sozialen Selbstverwaltung zur Ver­fügung stellen, kräftig und vor allem mit dem Kreuzchen an der richtigen Stelle zu unterstüt­zen. Für das Kolping-Erwachsenen-Bildungswerk bedankte sich dessen Vorsitzender, Theo Rau, für das spannende Gespräch und die Informationen aus erster Hand bei Fritz Schösser und lud alle Teilnehmer ein, sich in ihrem Engagement für eine gerechtere Gesellschaft nicht vom Weg abbringen zu lassen.