

Kategorie: Kolping
Geistliches Wort von DP Killermann
Einem jungen Königspaar, so wird erzählt, wurden einst drei Söhne geboren. Jedes Mal, wenn einer von ihnen auf die Welt kam, pflanzte der König im Garten des Schlosses einen Baum. Und jedes Mal verband er mit dem neuen Baum auch einen besonderen Wunsch. Dem Erstgeborenen wünschte der Vater, er solle so kräftig und mächtig werden wie der Nussbaum. Dem zweiten Sohn wünschte er Freude und Lebensmut, wie die grünen Blätter des Baumes es ausdrücken. seinem jüngsten Sohn aber wünschte er: Du sollst reifen und so viel Frucht bringen wie dieser Nussbaum.
Die Söhne wuchsen heran, und auch die Jahresringe der Bäume nahmen zu. Und jeder Sohn machte sich den Wunsch des Vaters zur Lebensregel.
Kraftvoll und mächtig wollte der erste Sohn sein. Aber es fasste es so auf, dass er immer neue Kriege führte und durch Eroberung seinen Reichtum mehrte. Je mächtiger er wurde, desto einsamer war er aber auch. Jeder hatte Angst vor ihm und ging ihm aus dem Weg. Schließlich wurde sein Nussbaum in den Kämpfen des Krieges geschlagen und verdorrte.
Der zweite Sohn verstand unter Lebensmut und Freude, Feste zu feiern und sich zu vergnügen. Er prasste und schlemmte und lebte in Saus und Braus. Schnell war das ganze Erbe verbraucht. Seine Freunde zogen sich daraufhin von ihm zurück. Er wurde einsam und krank. Und die Blätter an seinem Nussbaum wurden welk und der Baum morsch.
Der jüngste Sohn saß lang unter seinem Nussbaum und dachte lang über den Wunsch des Vaters nach: Du sollst reifen und so viel Frucht bringen wie dieser Nussbaum. Und er erkannte: mein Nussbaum ist ein Sinnbild für mein Leben. Er steht mit seinen Wurzeln tief in der Erde, so fest, dass kein Sturm ihn erschüttern kann. Die Wurzeln saugen Wasser und Nahrung aus der Erde für die Äste, die Blätter und die Früchte. Der Baum aber strebte hinauf in die Höhe, um Luft einzuatmen und Licht. Da wusste der jüngste Sohn: Nur dann, wenn die Kraft der Erde und der Segen des Himmels sich vereinen, nur dann können die Früchte wachsen und reifen.
So richtete er seinen Blick auf die Erde und ging neben seiner Arbeit auch zu den Kranken, den Hungrigen und den Traurigen. Und wenn er müde von der Arbeit und von seinen Besuchen heimkam, dann er setzte er sich unter seinen Nussbaum. Er schaute nach oben in die Zweige, und er erbat sich vom Himmel Kraft und Segen für sein Werk. Und jedes Mal, wenn er unter dem Baum saß, entdeckte er neue Früchte an ihm, und die Blätter des Nussbaum wurden das ganze Jahr über nicht welk.
Eine Geschichte, die, so meine ich, uns gerade zu Beginn der Fastenzeit daran erinnern kann: Menschen wie den ersten und zweiten Sohn dieses Königs gibt es viele auf unserer Welt, Menschen aller Zeiten, die versucht haben, ihr Glück in Macht und Reichtum zu suchen, in Lebenslust und Vergnügen.
Macht und Besitz aber verblenden den Menschen, sie machen ihn ichbezogen, einsam und oft auch rücksichtslos und hartherzig, und lassen ihn am Ende mit leeren Händen da dastehen. Und ebenso wird es denen gehen, die sich nur freuen und vergnügen wollen, die alles, was sie haben, für sich selber verwenden, die auf nichts im Leben verzichten und am Ende, wenn sie selber morsch werden und gebrechlich und krank, nichts vorweisen können, was Bestand hat.
Nur dann können wir Früchte bringen, die bleiben für das ewige Leben, nur dann können wir Gott unser Leben mit ruhigem Gewissen zurückgeben, wenn sich in unserem Nussbaum wie beim jüngsten Sohn die Kraft der Erde und der Segen des Himmels miteinander vereinen.
Wenn der Nussbaum unseres Lebens einmal umgehauen wird, weil er keine Frucht bringt, ist es zu spät. Noch aber können wir die Zeit nützen zum Guten. Setzen wir uns also wenigstens jetzt in der Fastenzeit wie der dritte Sohn dieses Königs unter den Nussbaum unseres Lebens und denken wir nach über den Zweck und das Ziel unseres Daseins.
Adolph Kolping sagt einmal: „Deiner Bestimmung gedenke, mein Christ, wer du auch immer sein magst. Halte deshalb eine Weile inne auf deinem breitgetretenen Lebenswege. Deiner Bestimmung gedenke, blicke vorwärts, wohin du strebest, schau zurück, woher du kommst, dich selber betrachte. Was ist’s mit dir, was bist du, was sollst du, was willst du? … Halte ein, mein Christ, stehe eine Weile stille, laß das bewegte Leben einmal an dir vorübergehen, damit dein Herz ruhiger werde und dein Verstand zu ernsterem Nachdenken sich anschicke!“ (KS 9, S. 4).